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Mama – ohne sie geht nichts

Mama

Die ideale Mama

  • passt drei Wochen nach der Entbindung wieder in ihre alten Jeans,
  • ist ihrem Mann dann auch wieder eine hingebungsvolle und einfallreiche Geliebte,
  • stillt ebenso hingebungsvoll ihr Kind, dem sie rund um die Uhr zur Verfügung steht,
  • ist in einer Zeit großer Abhängigkeit eine völlig unabhängige Frau,
  • sieht aus wie das blühende leben, weil sie superglücklich und zufrieden ist,
  • kriegt deshalb auch “das bisschen Haushalt” mit links erledigt,
  • versteht sich blendend mit ihrer Mutter, die für sie wie eine gute Freundin ist,
  • kümmert sich immer auf dem neusten Stand um die beste Erziehung und das optimale Wohlergehen ihres Kindes,
  • macht intuitiv immer alles richtig (wegen des Mutterinstinktes),
  • belastet ihren Mann nicht über die Maßen, sondern ist ihm eine tatkräftige, geistreiche und einfühlsame Gefährtin,
  • hält guten Kontakt zu all ihren Freundinnen,
  • lässt sich nicht aus dem Beruf drängen und ist ziemlich bald nach der Geburt des Kindes wieder mit voller Energie dabei.

Mama, hast Du mich lieber?

Eine echte Mutter erzählt ihre Geschichte:

Hanna (5) und ich puzzeln, als sie beiläufig fragt: „Mama, hast du mich lieber als Liam?“ Ich schlucke den Kloß runter und sage, ohne groß nachzudenken: „Ich habe euch beide gleich lieb.“ Hanna gibt sich damit zufrieden. Nur mich lässt die Frage – und meine Antwort nicht mehr in Ruhe. Habe ich richtig geantwortet? „Die Antwort mag diplomatisch klingen, doch die Grfühle des Kindes werden nicht erst genommen“, erklärt Entwicklungspsychologin Gundi Femmel aus Münster. Noch schlimmer wäre ein „Ja“ gewesen. Zwar wäre Hanna für den Moment selig gewesen, und Liam hätte meine Antwort noch nicht verstanden. „Doch so etwas kann noch Jahre später ausgepackt werden. Wer will dann schon sagen, dass man gelogen hat, weil man zu müde war oder keine Lust auf eine Diskussion hatte“, so Femmel.

Kinder fragen selten grundlos die Mutter

Das leuchtet ein, aber wie reagiert man nun richtig? Indem sich Eltern ehrlich dafür interessieren, warum ihr Kind die Liebesfrage stellt. „Sie ist eine Selbstvergewisserung und selten anlasslos“, präzisiert die Psychologin. Tatsächlich bekommt Liam (1) momentan viel meiner Aufmerksamkeit; seine Krippen-Eingewöhnung kostet Kraft. Geht es Hanna darum? Ich frage nach: „Hast du das Gefühl, dass ich mich nur nich um Liam kümmere?“. Hanna ist dankbar, dass ich für sie Worte finde. Selbst so ein Gefühl formulieren können Kinder frühestens ab dem Grundschulalter. Hanna fordert mehr Zeit allein zu zweit.

„Exklusiv-Zeit ist bei Geschwister-Rivalität tatsächlich ein wirksames Rezept“, sagt Hans Simoneit, der als Kindertherapeut in der Nähe von München arbeitet. Die gibt es bei uns zwar schon. Wobei ich zugeben muss, dass ich sie ein bisschen schleifen ließ. (Das wird jetzt wieder anders, Hanna versprochen!)

Die Frage meiner Tochter treibt mich weiter um. Stimmt es wirklich, dass ich beide Kinder gleich mag? Und was, wenn ich ein Kind tatsächlich lieber habe? Phasenweise kenne ich dieses Gefühl durchaus. Wobei ich eher von Nähe als von Liebe sprechen würde, meine Liebe gegenüber beiden Kindern sehe ich als ein Fundament, auf dem beide bequem Platz haben. Liebe ist nicht messbar.

Hans Simoneit beruhigt mich: „Ich erlebe es als Regel und nicht als Ausnahme, dass Eltern sich einem Kind stärker verbunden fühlen.“ Er macht aber auch klar: Gemeint ist kein Für-Immer. Es handelt sich um Phasen. So spüren die meisten etwa mehr Nähe zu dem Kind, dass gerade krank ist. Oder weniger zu einem gefühlt anstrengenden Kind, das zum Beispiel im Supermarkt Grenzen testet. Manchmal schafft aber genau das Nähe, weil wir so stark gebraucht werden. Auch Situationen können verbinden, etwa wenn zwei Menschen das, was sie gerade gemeinsam machen, gern tun, also die Begeisterung des anderen teilen; egal ob sie radfahren, planschen oder Lego bauen. Genauso spielt der Charakter eine Rolle. Vielleicht fühlt man sich dem Kind zugehöriger, das einem selbst ähnlich ist. Oder vielleicht gerade deshalb nicht.

Aufgabe der Eltern ist es Nähe aufzubauen

Das es völlig normal ist, dass meine Gefühle auch mal pendeln, entlastet ungemein. „Es gibt aber eine rote Linie“, erklärt die Psychologin. „Empfinden Eltern für ein Kind keine Liebe oder haben sie ihm gegenüber häufig negative Gefühle, schadet das dem Kind massiv – und auch den geliebten Geschwistern.“ Eltern neigen mitunter dazu, dem ungeliebten Kind die Schuld zu geben: Es provoziert mit seinem Verhalten meine fiesen Gefühle. „Es ist aber Elternaufgabe, eine tragfähige Beziehung aufzubauen“, erklärt die Psychologin weiter. Allein diesen Kreis zu durchbrechen ist kaum möglich. Hilfe leisten etwa Erziehungsberatungsstellen, Psychologen oder Psychotherapeuten.

Auch bei der empfundenen Nähe stellen beide Experten noch einen Aspekt heraus: „Es ist für Kinder nicht gut, wenn Eltern sich auf diesem Gefühl ausruhen“, sagt Simoneit. Motto: Der Kleine kann halt nur mit Papa, also ziehe ich mich raus. Femmel ergänzt: „Ich sehe es als Kernaufgabe der Eltern, Nähe zu all ihren Kindern aufzubauen.“ Ist diese nicht von selbst stark, sollten Eltern aktiv nach Gemeinsamkeiten suchen und diese fördern.

Eltern müssen die Bedürfnisse der Kinder erkennen

Bleibt für mich noch eine Frage: Muss ich verhindern, dass meine Kinder merken, wenn ich mich – phasenweise – einem von ihnen näher fühle? „Das können Sie kaum“, sagt Femmel. „Ihre Tochter hatte da ja auch ganz feine Antennen.“ Sie rät, nicht von der Liebe oder Nähe zu sprechen – eher von Aufmerksamkeit, etwa: „Liam braucht mich gerade sehr.“ Bei Erstgeborenen lässt sich das oft mit Erzählungen verknüpfen. Wie war es, als du in die Krippe kamst? Als ich dich stillte, du gezahnt hast? „Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse des anderen Kindes gehört und gesehen werden“, ergänzt Therapeut Simoneit. Dass es sich nicht ungesehen fühlt. Ich habe verstanden. Und genieße deshalb jetzt die Sonne, mit einem großen Becher Erdbeereis, den Hanna und ich uns teilen. Ohne Liam.

Mama – ohne sie geht nichts
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